Geschichte

Zu den theoretischen Grundlagen der Physiotherapie gehören heute nicht nur die naturwissenschaftlich-medizinischen Fächer, sondern auch Geistes- und Sozialwissenschaften.

Ausbildungsgänge für Physiotherapeutinnen enthalten daher auch Fächer wie Psychologie, Pädagogik und Soziologie, die wesentliche Zusammenhänge von menschlichem Verhalten und Erleben, von Beziehungsstrukturen, von Lehr- und Lernprozessen und anderen grundlegenden Erkenntnissen dieser Wissenschaftsdisziplinen vermitteln. Physiotherapie wird dauernd von den neuesten Forschungsergebnissen der Schulmedizin beeinflusst, profitiert aber zunehmend auch von der eigenen Forschung. Cleanical Reasoning, also die Reflexion und Begründung des physiotherapeutischen Handelns, evidenzbasierte Physiotherapie sowie der individuelle Wirksamkeitsnachweis sind wichtige Voraussetzungen für die selbständige Indikationsstellung seitens der Physiotherapeutin.

Für die Ausbildung stehen Fachhochschulen in der deutschen Schweiz und je eine Fachhochschule in der französischen und in der italienischen Schweiz zur Verfügung.

Der Schweizer Physiotherapie Verband physioswiss ist die Berufsorganisation von rund 7500 Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten.

Von der Antike zur Gegenwart

Die Griechen kannten eine hoch entwickelte Leibeskultur mit täglichen, systematischen Leibesübungen, die für die Gesundheit sehr förderlich waren. Sie pflegten Sportarten, die regelmässiges Training forderten. Darüber hinaus achteten sie sorgsam auf Diät. Hierbei ging es weit über Essverhalten und Nahrungsmenge hinaus. Der Begriff der Diät umfasste auch das Verhältnis von Schlafen und Wachen, Bewegung und Ruhe, den Stuhlgang, also eigentlich die gesamte Lebensweise. Die Griechen achteten auf Gesundheit, aber auch auf Schönheit, Anmut und Gewandtheit, wie ihre olympischen Athleten es besonders verkörperten.

In der mitteleuropäischen Kultur war Gymnastik oder anderweitig gezielte Förderung der Gesundheit den Adligen, Reichen und höheren Geistlichen vorbehalten. Erst seit der Zeit der Aufklärung schenkt unsere Gesellschaft der Gesundheit mehr und mehr Aufmerksamkeit. Damals hat der Mensch  angefangen, sich in seiner Eigenart und auch in seinem Leiden differenzierter zu betrachten. Mit ersten Ansätzen zu Sozialgesetzen und Krankenversicherungen Ende des 19. Jahrhunderts kam die Heilkunde auch Bürgern, Bauern und Arbeitern näher. Unsere heutige Schulmedizin hat damals mit der Frauenheilkunde (Geburtshilfe) ihren Anfang genommen. Damit verbunden gewann die Kinderheilkunde an Bedeutung. Der „verkrüppelte“ und „verkrümmte“ Mensch wurde Gegenstrand der Betrachtung, die Orthopädie, die Wisschenschaft der angeborenen oder erworbenen Krankheiten am Bewegungsapparat und ihrer Behandlung trat hervor. Die „gute Haltung“ wurde wichtig. Rousseaus Gedankengut beeinflusste die Ausbildung von Kindern in der Art, dass fortan die Entwicklung der körperlichen Fähigkeiten in gleicher Weise wie die der geistigen berücksichtigt wird. In Schweden wurden Übungen entwickelt, die über die üblichen Bewegungen im Alltag zum Zweck der Krankenbehandlung ersonnen waren und eine Zergliederung des koordinierten flüssigen Bewegungsablaufes einer Gliederkette oder des Rumpfes in langsame, nur Gliedmassen oder Rumpfteile übende Bewegungsmomente darstellten. Dabei wurde über die ideale Haltung hinaus ein normaler Spannungszustand der Muskulatur angestrebt. Die Übungen wurden peinlich formgenau ausgeführt und von Massagen unterbrochen. Erstmals gab man sich Rechenschaft von der Wirkung einer Übung – speziell auf die Muskulatur. Gustav Zahnder erschuf erste dampfbetriebene Streckapparate und lärmige Kraftmaschinen.

Erste Ausbildungsstätten

1813 eröffnete Peer Henrik Ling das königliche gymnastische Zentralinstitut in Stockholm. Erst ein Jahrhundert später wurde In Kiel (D) eine erste Lehranstalt für Heilgymnastik eröffnet. Dort ausgebildete Heilgymnastinnen nahmen ihre Tätigkeit in Sanatorien, Arztpraxen und Privatpraxen auf. Zur selben Zeit, ebenfalls vor dem 1. Weltkrieg, entstand auch in Zürich eine erste private Ausbildungsstätte. In der Regel liessen sich Heilgymnastinnen aus der Schweiz ausschliesslich im Ausland ausbilden. Erst 1943 während des 2. Weltkrieges und der damit verbundenen Grenzsperre wurde am Inselspital Bern die erste Physiotherapieschule gegründet.

Entwicklung der Physiotherapie

Der 1. Weltkrieg brachte neue Formen von Verletzungen und die zunehmende Industrialisierung Unfallopfer – die Zahl der Patienten stieg. Der Chriurg August Bier (1861 – 1949) verlangte den Einbau der seelisch entspannenden Gymnastik, worauf Kohlrausch und Hede Leube 1933 die Hockergymnastik mit gezielter Einwirkung auf Becken und Rumpf entwickelten. Die Bindegewebsmassage von Dicke ist das Resultat der Forschung in Reflexzonenmassage. Mit Herzübungsbehandlungen, Atemgymnastik und Balneologie hielt die Krankengymnastik auch Einzug in die innere Medizin. In der Rheumatologie gewannen physikalische Anwendungen wie Elektrotherapie an Bedeutung.

1905 wurden die skandinavischen Länder von der spinalen Kinderlähmung heimgesucht. Im Akutstadium war richtige Lagerung zur Verhütung von Kontrakturen wichtig. Den Krankengymnastinnen fiel die Beseitigung der trotzdem eingetretenen Gelenksteife ebenso zu, wie die Nachbehandlung von Sehnenverpflanzungen und Arthrodesen (operative Gelenksversteifung).

Zunehmende Industrialisierung und aufkommender Verkehr brachten Berufsunfälle und Unvallverletzte. Die Entwicklung der Prothetik in jeglicher Form nahm ihren Anfang. Das Erlernen von Umgang und Einsatz damit wurde ein neues Einsatzgebiet der Physiotherapeutin.

Die schnelle Weiterentwicklung der gesamten Medizin beeinflusste naturgemäss auch die Physiotherapie. Anfang der 50-er Jahre traten der Arzt Herman Kabat und die Physiotherapeutin Margarete Knott (1918-1978) mit dem Konzept der „Propriozeptiven neuromuskulären Fazilitation (Prinzipien der Bewegungsanbahnung und Bewegungssteuerung) in der Fachwelt auf. Der Einstieg in die Neurophysiologie war geebnet. Die Komplexbewegungen wurden wichtiger Bestandteil in der Bewegungsbehandlung auf allen Fachgebieten. Der Arzt Karel Bobath und die Physiotherapeutin Berta Bobath sowie Vaclav Vojta begründeten zwei weitere wichtige Bausteine der physiotherapeutischen Behandlung von zerebralen Störungen.

In der Orthopädie wird der Gips durch die Osteosynthese ersetzt, was frühere Bewegung und Belastung ermöglicht. Die Endoprothetik (künstliche Gelenke) und Gelenkplastiken ergeben neue Indikationen für die Physiotherapie.

Höhere Überlebenschancen erfordern bei Paraplegie eine spezifische Rehabilitation.

Prophylaxe von Sportschäden und Sportverletzungen sowie deren Therapie und Rehabilitation führen zur Verzahnung von Sportmedizin, Trainingslehre und Physiotherapie.

Geriatrie (Altersheilkunde) und Gerontologie (Teilgebiet der Medizin, das sich mit Alterungsvorgängen im menschlichen Körper und mit dem verschiedenen Krankheitsverlauf in den einzelnen Lebensaltern beschäftigt) gewinnen zunehmend an Bedeutung. Die Physiotherapeutin berücksichtigt in ihrer Behandlungsplanung gleichermassen den physiologischen Alterungsprozess, die Biographie jedes Menschen und sein soziokulturelles Umfeld.

Schliesslich wird die Physiotherapie immer wichtiger für Prävention und Ergonomie.

Diese Informationen stammen unter anderen aus:
Welti, Sabine, Massage und Heilgymnastik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: zur Professionalisierung der Physiotherapie, Hrsg. Schweizerisches Rotes Kreuz, 1996
Hüter-Becker, A. et al, Physiotherapie, Band 3, Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Berufslehre, Wissenschaftliches Arbeiten, Geschichte, Georg Thieme Verlag, 1996